▸ Haltung
„Ja, aber …“: warum wir KI-Fortschritt kleinreden
Im Februar dieses Jahres führte die Gala zum chinesischen Neujahrsfest vor rund einer Milliarde Zuschauern humanoide Roboter vor, die autonom Salti schlagen, über Tische turnen und Kampfkunst-Choreografien mit Schwertern zeigen. Ein Jahr zuvor, bei derselben Gala, konnten vergleichbare Maschinen kaum ein Taschentuch schwenken. Die Reaktion, die mich an der Sache am meisten interessiert, kam wenige Stunden später aus den Kommentarspalten: „Wahrscheinlich vorprogrammiert. Keine echte Autonomie.“
Diesen Satz kenne ich, allerdings nicht aus der Robotik, sondern aus dem Kanzleialltag. Dort klingt er so: „Ja, aber für echte Fälle taugt das nicht.“ „Ja, aber meine Mandate sind zu speziell.“ „Ja, aber am Ende muss doch ein Mensch ran.“ Der zweite Halbsatz wechselt, der erste bleibt immer gleich. Und weil ich diesen Reflex bei Kollegen beobachte, auf Fortbildungen höre und gelegentlich bei mir selbst ertappe, lohnt ein genauer Blick: Woher kommt das „Ja, aber“, und was kostet es?
Das Muster hat einen Namen
Die KI-Forschung kennt das Phänomen seit Jahrzehnten und nennt es den KI-Effekt: Sobald eine Maschine etwas kann, gilt genau das nicht mehr als Intelligenz. Der KI-Pionier John McCarthy hat es trocken zusammengefasst: Sobald es funktioniert, nennt es niemand mehr KI. Sein Kollege Larry Tesler machte ein Theorem daraus: Intelligenz ist das, was Maschinen noch nicht können.
Das Muster arbeitet mit einer wandernden Messlatte. 1997 schlug ein Computer den amtierenden Schachweltmeister; die Sensation hielt ein paar Wochen, dann hieß es: nur Rechenleistung. Heute vergleicht eine KI einen Steuerbescheid in Sekunden mit der eingereichten Erklärung, und der Kommentar dazu lautet: „ja, aber nur bei Standardfällen“. Die Messlatte springt immer genau dorthin, wo die Maschine gerade noch nicht ist. Das hat einen angenehmen Nebeneffekt: Man muss die eigene Einschätzung nie korrigieren.
Dieselben Sätze, seit fünfhundert Jahren
Der Reflex ist viel älter als die KI. Als der Buchdruck die Klöster und Schreibstuben überflüssig zu machen drohte, erklärten kirchliche Autoritäten den massenhaften Buchkonsum zum Teufelswerk, und selbst Leibniz klagte, die guten Bücher würden in der Flut der schlechten untergehen. Die ersten Automobile wurden als „Kutschen, denen die Pferde fehlen“ belächelt; der amerikanische Kutschenverband hielt die Motorisierung noch 1912 für ein Nischenthema des Luxussegments. Binnen zwei Jahrzehnten drehte sich der Markt von wenigen Prozent auf über neunzig.
| Technologie | Das „Ja, aber“ von damals | Und heute |
|---|---|---|
| Buchdruck | „Zu viele schlechte Bücher, die guten gehen unter.“ | Grundlage von Wissenschaft, Bildung und Rechtsstaat. |
| Automobil | „Kutschen ohne Pferde, unzuverlässiges Luxusspielzeug.“ | Standard, an dem sich alles andere misst. |
| Telefon | „Abhörgefahr, und bei Gewitter lebensgefährlich.“ | Niemand erinnert sich an die Debatte. |
| Fernsehen | „Zeitverschwendung, die Jugend verlernt das Denken.“ | Leitmedium mehrerer Generationen. |
| Internet | „Überflüssig. Wozu, es gibt doch Telefon und Fax.“ | Ohne geht in keiner Kanzlei mehr irgendetwas. |
| KI | „Nicht wirklich intelligent, nur Statistik / vorprogrammiert.“ | Läuft gerade. |
Dass die Skeptiker irrten, ist an dieser Liste noch der langweiligste Befund. Interessanter ist, dass sie über fünf Jahrhunderte mit demselben Satzbau irrten.
Warum wir das tun und warum es sogar verständlich ist
Das „Ja, aber“ ist selten Dummheit. Es ist eine Schutzreaktion, und oft eine rationale. Die Schreiberzünfte, die sich gegen den Buchdruck stemmten, hatten ja recht: Für sie war er existenzbedrohend. Wer heute abwinkt, verteidigt meist etwas Reales: einen Wissensvorsprung, ein Geschäftsmodell, ein Selbstbild als der Mensch, der die schwierigen Dinge kann. Das Kleinreden kauft Zeit, sich an den Verlust alter Gewissheiten zu gewöhnen, bevor man ihn aussprechen muss. Nur wird diese Zeit teuer bezahlt: mit einem späteren Start.
Der Ehrlichkeit halber: Nicht jede Skepsis ist Reflex. Fotografie und Telefon haben tatsächlich neue Probleme geschaffen; ohne die Sorge um die Privatsphäre gäbe es weite Teile des Datenschutzrechts nicht. Der Unterschied liegt im Vorgehen. Berechtigte Kritik prüft den Einzelfall und benennt ein konkretes Risiko, während der Reflex pauschal jeden Fortschritt relativiert, ohne je etwas auszuprobieren.
Was diesmal anders ist: das Tempo
Einen Unterschied zu Buchdruck und Automobil gibt es allerdings, und er spricht nicht für Abwarten. Das Auto brauchte zwei Jahrzehnte vom belächelten Kuriosum zum Standard. Die Roboter der Neujahrsgala brauchten ein Jahr vom Taschentuch zum Rückwärtssalto. Und bei den Sprachmodellen, mit denen Kanzleien heute arbeiten, liegen zwischen „nette Spielerei“ und „bereitet eine FIBU auf“ keine Generationen, sondern Versionssprünge im Monatsrhythmus. Wer mit dem Tempo von damals kalkuliert („bis das bei uns ankommt, bin ich in Rente“), rechnet mit der falschen Kurve.
Wie schwer diese Kurve selbst für Fachleute zu fassen ist, zeigt ein Gespräch mit Prof. Christian Bauckhage vom Fraunhofer-Institut IAIS. An der verlinkten Stelle fällt ein bemerkenswert ehrlicher Satz: Man habe die exponentielle Entwicklung schon 2016 kommen sehen und trotzdem erst 2026 begriffen, was es bedeutet, dass die Modelle plötzlich programmieren können. Der Titel des Gesprächs sagt, was daraus folgt: „Wir haben noch gar nichts gesehen!“
Was das für Ihre Kanzlei bedeutet
Meine Einschätzung, offen als solche gekennzeichnet: Steuerberatung sieht in drei bis fünf Jahren grundlegend anders aus als heute. Nicht, weil Berufsträger verschwinden, sondern weil sich verschiebt, was Menschen in der Kanzlei tun und was Maschinen vorbereiten. Die Erklärung, der Abschluss, der Bescheid: Das Fachliche bleibt Ihre Verantwortung, aber der Weg dorthin wird ein anderer sein. Ich kann mich mit dieser Prognose irren. Bisher lag allerdings jede Generation von „Ja, aber“-Sagern falsch, und das aktuelle Tempo gibt ihnen weniger Zeit zum Umdenken als jeder Generation zuvor.
Daraus folgt kein Alarm, sondern eine nüchterne Rechnung: Wer früh lernt, entscheidet selbst, welche Arbeit er abgibt und welche er behält. Wer spät kommt, bekommt es vorgegeben: vom Markt, vom Nachwuchs, der nicht mehr tippen will, von Mandanten, die längst selbst mit KI arbeiten. „Vor die Welle kommen“ ist deshalb kein Panik-Programm, sondern das Gegenteil davon. Panik entsteht hinter der Welle.
Wenn Sie das nächste Mal eine KI-Demonstration sehen und Ihr erster Gedanke ist „Ja, aber …“, dann halten Sie kurz inne und fragen Sie sich: Prüfe ich gerade, oder schütze ich mich?
Prüfen heißt: am eigenen Fall ausprobieren, mit echten Kriterien. Schützen heißt: einen Grund suchen, es nicht tun zu müssen. Das eine ist Sorgfalt. Das andere ist der Reflex.
Kleinreden ist keine Strategie
Die eigentliche Tücke des KI-Effekts liegt darin, dass er jede einzelne Neuerung sofort normal aussehen lässt. Der KI-Fortschritt kommt nicht als Donnerschlag, er kommt als Serie von „ganz nett“. Wer jeden einzelnen Schritt kleinredet, übersieht, dass die Schritte eine Treppe sind.
Sie müssen KI nicht lieben, und Sie sollten ihr nicht blind vertrauen; prüfen, einordnen und verantworten bleibt Ihr Beruf. Aber ernst nehmen sollten Sie sie. Das „Ja“ dürfen Sie also behalten. Nur das „aber“ sollten Sie jedes Mal einer Prüfung unterziehen: Ist es ein Argument, oder ist es nur der Reflex, der seit fünfhundert Jahren dieselben Sätze sagt?
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