Es gibt gerade einen Rat an Berufskollegen, den ich öfter höre. Nicht von allen am Markt, aber von einigen lauten Stimmen: „Lasst euch nicht irre machen, das ist alles Angstmacherei. Ihr müsst gar nichts tun. KI kommt sowieso in eure Fachanwendungen, in drei bis vier Jahren ist sie einfach da. Alles, was ihr heute selbst baut, ist Brückentechnologie. Also wartet ab, dann seid ihr automatisch dabei.“

Der technische Teil dieser Aussage stimmt. Die Folgerung halte ich für brandgefährlich. Wer heute sagt: „Ich muss nichts tun, in drei Jahren kommt die Software zu mir“, wird massive Mandatsverluste erleben und von der neuen Welt überrannt werden, statt in ihr anzukommen. Das ist eine harte Prognose, und sie ist meine Meinung. In diesem Beitrag begründe ich sie.

Worin ich mit den Abwartern einig bin

Der Rat hat einen wahren Kern. In zwei bis vier Jahren wird KI in praktisch jeder Fachanwendung stecken, egal ob DATEV oder ein anderer Anbieter. Die Richtung ist heute schon sichtbar: Wer den Automatisierungsservice Rechnungen oder den Automatisierungsservice Bank einsetzt, arbeitet bereits mit KI, die der Anbieter eingebaut hat, und die DATEV integriert ihren Copilot Zug um Zug in die Cloud-Anwendungen. Wer diesen Endzustand prognostiziert, bekommt von mir keinen Widerspruch.

Das heißt auch: Vieles von dem, was Kanzleien heute mit Werkzeugen wie ChatGPT oder Claude selbst automatisieren, etwa Bescheide gegen die eingereichte Erklärung prüfen, Schriftverkehr entwerfen, eine FIBU aufbereiten oder Betriebsprüfungsberichte zusammenfassen, ist aus dieser Sicht tatsächlich Brückentechnologie. Es überbrückt die Zeit, bis die Anbieter so weit sind. Bis hierhin bin ich mit den Abwartern vollständig einig.

Und der Punkt, an dem die Folgerung kippt

Aus „es kommt sowieso in die Anwendungen“ folgt aber nicht „also muss ich nichts tun“. Denn der Markt friert während der Wartezeit nicht ein.

Beispiel aus der eigenen Kanzlei: Unsere Buchhaltung läuft inzwischen weitgehend automatisiert, wir verarbeiten bis zu 600 Belege pro Stunde. Und wenn die E-Rechnung flächendeckend ankommt, wird diese Zahl voraussichtlich noch einmal deutlich steigen. Mit dieser Kostenstruktur gehen wir aktiv an den Markt, auch über den Preis, und gewinnen Mandate von Kanzleien, die noch zu den alten Kosten produzieren. Wir sind damit nicht die Einzigen.

Wer jetzt drei Jahre wartet, überbrückt also keine Technologielücke. Er sieht drei Jahre lang zu, wie andere an ihm vorbeiziehen und Mandate neu verteilt werden. Und wenn die Software dann endlich zu ihm kommt, kommt sie zu einer Kanzlei, die einen Teil ihrer Mandanten bereits verloren hat.

Dazu kommt die Lernkurve. Eine Funktion in der Fachanwendung zu haben ist nicht dasselbe, wie mit ihr umgehen zu können. Die Kanzleien, die heute selbst automatisieren, wissen in drei Jahren, wo KI verlässlich ist und wo man ihr auf die Finger schauen muss, welche Prozesse sich lohnen und welche nicht, wie man ein Team mitnimmt. Das liefert kein Update mit. Wer beides verpasst hat, die Mandate und die Lernkurve, wird von der neuen Welt nicht mitgenommen. Er wird von ihr überrannt.

Hinter dem Abwarte-Rat steckt außerdem ein Rechenfehler: Wir planen in linearen Schritten, während sich die Modelle Jahr für Jahr verdoppeln. In einem sehenswerten Gespräch mit Prof. Christian Bauckhage vom Fraunhofer-Institut IAIS fällt dafür ein Bild, das hängen bleibt: 30 Schritte zu je einem Meter enden auf dem Parkplatz vor der Tür. 30 Schritte, deren Länge sich jedes Mal verdoppelt, reichen mehrfach bis zum Mond. Wer für die nächsten drei Jahre in Metern rechnet, unterschätzt, wo die Technik bei der Ankunft der Fachanwendungs-KI tatsächlich steht; direkt im Anschluss an die verlinkte Stelle erklärt Bauckhage am Durchbruch von AlphaFold, was solche Sprünge praktisch bedeuten.

Der zweite Streitpunkt: Vibe-Coding

Die zweite Empfehlung, die ich zunehmend höre: Finger weg vom Selberbauen, das lohne sich nicht, manche nennen es Selbstmord. Gemeint ist das sogenannte Vibe-Coding: Man beschreibt der KI in normaler Sprache, was ein Werkzeug tun soll, und sie schreibt den Code, ganz ohne Programmierkenntnisse. Auch hier bin ich anderer Meinung. Die Werkzeuge sind mittlerweile so gut, dass sie für interne Zwecke professionelle Entwicklung weitgehend ersetzen können. Wir lassen dabei zwei KI-Systeme gegeneinander arbeiten: Das eine entwickelt, das andere prüft den Code. Was so entsteht, ist von dem, was ein Entwicklerteam für denselben Zweck bauen würde, nicht mehr weit entfernt.

Am Ende einen Menschen mit Entwicklungserfahrung draufschauen zu lassen bleibt trotzdem mein Rat, erst recht, wenn Mandantendaten im Spiel sind. Aber zwischen „am Ende prüfen lassen“ und „gar nicht erst anfangen“ liegt der ganze Unterschied zwischen Sorgfalt und fehlender Strategie.

Und selbst mit dieser Prüfung rechnet es sich noch deutlich. Unsere eigene Rechnung: über 25.000 Euro Fixkosten, die wir sparen, weil eigene, KI-gestützte Abläufe teure Spezialtools ersetzt haben. Das Geld fällt nicht einmal an, sondern jedes Jahr wieder. Leichter kann man es nicht verdienen. Dabei sind wir eine bewusst kleine Kanzlei. Wer mit zehn, zwanzig oder dreißig Mitarbeitern arbeitet, hat entsprechend mehr Prozesse, mehr Lizenzen und mehr Sparpotenzial.

Auffällig ist, von wem die Warnungen oft kommen: von Anbietern, die selbst Software im Abo verkaufen. Wer davon lebt, dass Kanzleien seine Software mieten, hat ein nachvollziehbares Interesse daran, dass sie sich keine eigene bauen. Das macht die Argumente nicht automatisch falsch. Man sollte nur wissen, aus welcher Richtung sie kommen. Damit Sie auch meine Position einordnen können: Kanzl.ai verkauft keine Software, ganz bewusst nicht. Wenn eine Kanzlei eine Entwicklung braucht, die über das Selberbauen hinausgeht, vermitteln wir jemanden, der das hauptberuflich macht. Wir wollten genau den Interessenkonflikt nicht im Haus haben, den ich hier beschreibe.

Eigene Software verkaufen ist ein eigenes Geschäft

An einem Punkt teile ich die Zurückhaltung der Skeptiker: beim Schritt, die eigene Anwendung nicht nur intern zu nutzen, sondern als Produkt zu verkaufen. Wer das tut, betreibt ein zweites Unternehmen: mit Produkthaftung, Support, Weiterentwicklung, Vertrieb und einem Datenschutz, der plötzlich fremde Daten betrifft. Das kann funktionieren, hat mit dem Kanzleigeschäft aber wenig zu tun. Für die allermeisten Kanzleien gehört dieser Schritt nicht auf den Plan, und weil er ein eigenes Fachgebiet ist, bieten wir ihn auch nicht als Beratungsfeld an.

Die Standortbestimmung in drei Fragen
  1. Was erledigt in Ihrer Kanzlei heute schon eine Maschine, und wer hat es gebaut: der Softwareanbieter oder Sie?
  2. Welchen Arbeitsschritt würden Sie sofort automatisieren, wenn Sie wüssten, wie?
  3. Wenn ein Wettbewerber Ihren Buchhaltungsmandanten dieselbe Leistung deutlich günstiger anbietet: Was setzen Sie dagegen?

Warten ist auch eine Antwort. Nur keine gute.

Sie müssen kein Programmierer werden und erst recht kein Softwareanbieter, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Die Funktionen der Fachanwendung konsequent zu nutzen ist ein legitimer Anfang. Selbst zu automatisieren ist für die meisten der Punkt, an dem sich der Einsatz am schnellsten rechnet. Eigene Werkzeuge zu bauen lohnt sich dort, wo es das passende zu kaufen nicht gibt. Nur eine Position gibt es nicht: abwarten und darauf setzen, dass der Endzustand einen schon mitnehmen wird.

Die Hauptaussage dieses Beitrags ist deshalb nicht, dass jede Kanzlei zum Softwareentwickler werden muss. Sie lautet: Ja, das meiste davon ist Brückentechnologie. Aber über die Brücke gehen die Mandanten schon heute. Der Endzustand kommt, da bin ich sicher. Die Frage, die bis dahin entschieden wird, lautet: mit wessen Mandanten.

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Häufige Fragen

In drei Jahren kann das doch jede Fachanwendung. Warum soll ich jetzt Zeit investieren?

Weil in diesen drei Jahren zwei Dinge passieren: Der Markt verteilt Mandate neu an Kanzleien, die schon heute schneller und günstiger produzieren. Und die Kollegen dort bauen einen Erfahrungsvorsprung im Umgang mit KI auf, den eine neue Schaltfläche in der Fachanwendung nicht ersetzt. Eine Funktion zu bekommen und mit ihr umgehen zu können sind zwei verschiedene Dinge.

Ist Vibe-Coding für eine Kanzlei nicht zu riskant?

Das hängt davon ab, was das Werkzeug tut. Ein internes Hilfsprogramm ohne Mandantendaten ist überschaubar riskant; daran kann man gefahrlos lernen. Sobald Mandantendaten verarbeitet werden, gelten dieselben Regeln wie bei jedem anderen KI-Einsatz: Verschwiegenheit, Datenschutz und Auftragsverarbeitung müssen vor dem ersten echten Fall geklärt sein. Und für alles, was dauerhaft laufen soll, rate ich dazu, am Ende jemanden mit Entwicklungserfahrung prüfen zu lassen.

Muss meine Kanzlei eigene Software entwickeln und verkaufen?

Nein. Eigene Software an den Markt zu bringen ist ein eigenständiges Geschäftsmodell mit eigenen Risiken. Für die Wettbewerbsfähigkeit reicht es in aller Regel, die eigenen Abläufe mit KI zu automatisieren; eigene Werkzeuge per Vibe-Coding sind die Kür, kein Pflichtprogramm.

Warum verkauft Kanzl.ai selbst keine Software?

Weil sich Beratung und Softwarevertrieb schlecht vertragen. Wer Ihnen ein Abo verkaufen will, wird Ihnen selten raten, sich das Werkzeug selbst zu bauen. Wir beraten zur Strategie und schulen Teams; wenn eine Kanzlei eine professionelle Entwicklung braucht, vermitteln wir sie an jemanden, der das hauptberuflich macht.

Wo fange ich an, wenn wir bisher nur die Fachanwendung nutzen?

Beim Engpass. Sehen Sie sich an, welche Arbeitsschritte in Ihrer Kanzlei die meiste Zeit binden, und prüfen Sie dann, ob die Fachanwendung dafür schon etwas anbietet oder ob es ein Fall für eigene Automatisierung ist. Genau diese Bestandsaufnahme ist der Kern unserer Standortbestimmung, und sie funktioniert unabhängig davon, welche Software Sie einsetzen.